Jan Guillou – Verbannung

AutorJan Guillou
TitelVerbannung
OriginaltitelTempelriddaren
ÜbersetzerHolger Wolandt
SerieDer Kreuzritter Band 2
Seitenzahl559
VerlagHeyne
ISBN978-3-453-47095-8
Bewertung

Achtung: Rezension enthält kleinere Spoiler zu Aufbruch.

Inhalt
Outremer, 1177: Durch Zufall rettet Arn Magnusson, seit einigen Jahren Tempelritter im Heiligen Land, Sultan Saladin vor Räubern. Obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, empfinden sie schon bald Respekt voreinander. Doch schon bald muss Arn sich wieder gegen die Sarazenen behaupten, in der Hoffnung, seine Verbannung zu überleben.
Kloster Gudhem, Götaland, etliche Jahre zuvor: Während ihr Geliebter im Heiligen Land gegen die Muslime kämpft, verbringt Cecilia ihre Strafe im Kloster. Als Verlobte eines Folkungers hat sie hier sehr zu leiden, denn die Äbtissin gehört dem sverker’schen Geschlecht an und schikaniert sie, wo sie nur kann. Wie soll sie so zwanzig Jahre überleben?

Meine Meinung
Mit Verbannung liegt der zweite Band der Trilogie über den fiktiven Tempelritter Arn Magnusson vor, der vor etlichen Jahren bereits unter dem Titel Die Büßerin von Gudhem erschienen ist. Zwar ist auch der alte Titel nicht völlig unpassend, da er sich auf den Handlungsstrang um Cecilia bezieht, der neue Titel passt meiner Meinung nach jedoch besser, da er die Situation beider Charaktere beschreibt, die in verschiedenen Arten der Verbannung leben müssen.
Nimmt man es ganz genau, kann man Verbannung eigentlich als zwei für sich stehende Romane sehen, deren Kapitel sich abwechseln. Dass immer wieder hin und her gesprungen wird, hat dabei eigentlich keinen dramaturgischen Grund, denn weder verläuft die Handlung parallel – Arns Handlungsstrang setzt etwa zehn Jahre nach dem Ausspruch der Strafe an, während Cecilias Klosteraufenthalt von Beginn an beschrieben wird – noch gibt es irgend eine Form der Überschneidung, noch nicht einmal Nachrichten vom jeweils Anderen dringen zu den Protagonisten durch. Erst gegen Ende des Romans ist man etwa an einem gemeinsamen Zeitpunkt angelangt, doch selbst dann gibt es keine Zusammenführung der Handlungsstränge.
Während der Leser mit Arn im Heiligen Land Abenteuer erlebt, wird er durch Cecilia über die politischen Entwicklungen Götalands auf dem Laufenden gehalten.
War Arn im ersten Band noch der naive Jüngling, der große Probleme damit hatte, Menschen zu durchschauen, ist er hier das genaue Gegenteil. Er ist ein gerissener Stratege, der Motive schnell durchschaut und auch als Vermittler in Konfliktsituationen wirken kann, da er beide Seiten nachvollzieht, selbst wenn er deren Einstellung nicht teilt. Er hat kein Problem damit, mit seinen Feinden ein gemeinsames Mahl einzunehmen und über Politik und Religion zu plaudern, er kann sogar den Koran zitieren und damit so manchem Sarazenen den Wind aus den Segeln nehmen. In seiner Charaktergestaltung erinnert mich Arn da doch sehr an Karl Mays Kara ben Nemsi…
Doch auch neben Arn sind viele andere Charaktere fest den „Guten“ und den „Bösen“ zuzuordnen. Dabei sind die Muslime überwiegend positiv beschrieben, während es bei den Christen etliche Personen, meist in Führungspositionen, gibt, die nicht nur aufgrund strategischen Unverständnisses schlimme Taten vollbringen, sondern die dies auch noch mutwillig tun und somit anscheinend bewusst der eigenen Sache schaden. Hier fällt insbesondere Richard Löwenherz negativ auf.
Insgesamt ist mir diese Einteilung viel zu simpel geraten, jedoch hätte der Roman sonst deutlich umfangreicher ausfallen müssen.
Ebenfalls nicht allzu gut gefallen hat mir, dass ein guter Teil der Handlung auf einer glücklichen Fügung basiert, denn das Zusammentreffen mit „Jussuf“ und der daraus resultierende Respekt füreinander spielt nicht nur an einer Stelle eine wichtige Rolle.
Und trotz all der Kritik ist dieser Teil des Romans doch recht spannend. Es gibt nicht gerade wenige Schlachtenszenen, die recht ansprechend beschrieben werden und die einen trotz aller sonstiger Mängel mit Arn mitfiebern lassen.
Dem gegenüber steht die doch deutlich weniger abenteuerliche Geschichte Cecilias.
Auch hier trifft die extrem starre Einteilung in Gut und Böse zu. Insbesondere die Äbtissin fällt hier sehr negativ auf. Sie betreibt, was wir heute als Mobbing bezeichnen würden, stellt falsche Behauptungen auf und bestraft Cecilia und andere Anhängerinnen der Folkunger, wo sie nur kann, bis hin zu körperlichen Strafen, die für die Beteiligten tödlich enden könnten. Selbst Cecilias Freundin, die Verlobte eines Königssohns, muss diese Behandlung erdulden. Eine solche Form des Mobbings durch eine kirchliche Führungsperson kann ich mir allerdings nur sehr schwer vorstellen, da doch immer politische Folgen zu fürchten sind.
Abgesehen davon ist die Handlung um Cecilia schon recht interessant, wenn auch deutlich weniger spannend als Arns Abenteuer. Es erfordert eine gewisse Konzentration, den Wendungen zu folgen, doch dann ergibt sich ein Bild, das zwar vereinfacht ist, aber dennoch grob schildert, was sich nun auf politischer Ebene abspielt.
Neben den einseitig beschriebenen Charakteren hat dieser Roman, wie schon der erste Band, ein weiteres Problem, und zwar den Erzählstil. Auch hier wird wieder fleißig von außen erzählt, was alles so passiert. Oft gibt es viele Seiten am Stück ohne wörtliche Rede, Gespräche werden nacherzählt, über Beschlüsse berichtet. Dadurch, dass man als Leser nicht dabei ist und aus erster Hand erlebt, was geschieht, ist der Roman schon wenig lebendig und sogar ermüdend, die Spannung, die durch die Handlung erschaffen wird, wird durch diese Erzählung von außen zerstört. Dadurch wird extrem viel Potenzial verschenkt.
An Zusatzmaterial ist eine Karte des Heiligen Landes sowie eine Auflistung einiger schwedischer Handlungsorte vorhanden. Auch ein Nachwort des Autors ist hier zu finden, wobei dieses Mal stärker auf die historischen Hintergründe eingegangen wird als beim letzten Band. Das Nachwort des Regisseurs ist mit dem des ersten Bandes identisch, ist aber dennoch lesenswert.

Fazit
Auch wenn sich der Stil Guillous nicht wesentlich geändert hat, hat mir dieser zweite Band ein wenig besser gefallen als der erste, da die Handlung im Heiligen Land doch recht interessant war. Leider wurde auch dieses Mal durch die Schreibweise und die flachen Charaktere sehr viel Potenzial verschenkt.

Posie Graeme-Evans – Der Eid der Heilerin

AutorPosie Graeme-Evans
TitelDer Eid der Heilerin
OriginaltitelThe Innocent
ÜbersetzerCornelia Stoll
SerieHeilerin Anne Band 1
Seitenzahl512
VerlagGoldmann
ISBN978-3-442-45910-0
Bewertung

Inhalt
England, 1450: Nach einer wilden Flucht bringt eine junge Frau im Wald ein Mädchen zur Welt, unterstützt von ihrer Zofe. Doch die Mutter überlebt die Geburt nicht. Um das Kind vor den Verfolgern zu schützen, überlässt die Zofe es einer Kräuterkundigen, die im Wald wohnt.
Fünfzehn Jahre später: Anne reist nach London, um hier eine Stellung als Dienstmädchen im Haus eines Kaufmanns anzutreten. Ihr Wissen um die Heilkunst kommt ihr schon bald zugute, denn die Herrin ist schwer erkrankt. Ihre Erfolge werden jedoch nicht von jedem Mitglied des Haushalts wohlwollend betrachtet, denn die erste Kammerjungfer der Herrin ist auf Anne eifersüchtig. Und auch der Sohn des Hausherrn wird auf Anne aufmerksam und stellt ihr nach…

Meine Meinung
Diese Trilogie von Posie Graeme-Evans war vor rund fünfzehn Jahren mein Einstieg in das Thema der englischen Rosenkriege. Der Eid der Heilerin ist der erste Band. Damals, so ganz ohne Vorwissen, konnte mich die Reihe begeistern. Dieses Mal jedoch bin ich mit einer gewissen Skepsis an dieses Buch herangegangen – dazu später mehr.
Den historischen Hintergrund bildet hier die Regierungszeit Edwards IV. Auch wenn der Schwerpunkt nicht auf dem politischen Geschehen liegt, so erfährt der Leser nebenbei ein wenig über Edwards Probleme mit dem „Königsmacher“ Richard of Warwick und seinem Bruder George, genügend, um neugierig zu machen, aber nicht so viel, um dies in den Fokus zu stellen, denn dieser liegt auf der Liebesgeschichte zwischen Anne und Edward.
Der Roman ist mehr oder weniger zweigeteilt. Während man in der ersten Hälfte Annes Aufstieg im Haus des Kaufmanns Mathew Cuttifer beobachtet, folgt man ihr in der zweiten Hälfte in den Haushalt der Königin Elizabeth Wydeville.
Anne, die zwar nicht dem Schönheitsideal ihrer Zeit entspricht, aber über eine unvergleichliche Ausstrahlung verfügt, dabei so gebildet ist, dass sie neben Englisch und Französisch auch Latein spricht, in der Heilkunde und auch noch in vielen Haushaltstätigkeiten bewandert ist, stellt hier die weibliche Hauptperson dar. Sie ist selbstlos und drängt sich niemals in den Mittelpunkt, und dennoch zieht sie die Augen aller Männer auf sich. Während dies sie in den Augen der Leser schon sehr sympathisch erscheinen lässt, ist mir dies doch einfach zu viel es Guten, weniger wäre hier wohl mehr gewesen.
Über König Edward erfahren wir im Vergleich doch deutlich weniger. Seine politischen Tätigkeiten werden hier nicht allzu genau beschrieben, sondern nur angerissen, dafür erfährt man wesentlich mehr über seinen Verschleiß an willigen jungen Frauen.
Insgesamt sind die Charaktere doch sehr schablonenhaft und ohne wesentliche Entwicklung beschrieben. Nicht nur die Hauptpersonen bleiben recht eindimensional, auch sämtliche Nebencharaktere kann man in Gut und Böse einteilen. Dabei ist der Personenkreis schon eher klein gehalten, so dass es nicht allzu schwer fällt, den Überblick zu behalten.
Sexszenen gibt es in diesem Roman einige, meiner Meinung nach auch einige zu viele, und die wenigsten haben mit Anne direkt zu tun. Auch sind einige recht explizit, was nicht hätte sein müssen.
Die Liebesgeschichte im Zentrum des Romans ist recht dünn, denn aus Schwärmerei auf der einen Seite und Lust auf der anderen wird viel zu schnell mehr, ein Prickeln zwischen den Charakteren kann man selten wahrnehmen, und auch Romantik sucht man meist vergebens.
Während ich den überwiegenden Teil der Handlung durchaus spannend und, abgesehen von den starren Charakteren, gut dargestellt finde, so gibt es doch insbesondere ein Element des Romans, mit dem ich mich nicht anfreunden kann. Dies ist die Herkunft Annes, die den Dreh- und Angelpunkt des Romans darstellt und eine deutliche Wendung herbeiführt. Um Spoiler zu vermeiden möchte ich diese hier nicht auflösen.
Über einen guten Teil des Romans bleibt sie ein Rätsel, doch die Erklärung stellt Anne vor neue Probleme und manch einen Leser vor ein Rätsel. Denn während die Autorin versucht, Annes Zeugung schlüssig darzulegen, so kann eine solche Theorie mit Recht angezweifelt werden, so dass es unwahrscheinlich ist, dass das Beschriebene so hätte passieren können. Innerhalb des Romans funktioniert diese Darstellung jedoch. Drückt man also ein Auge zu, ist der Roman durchaus unterhaltsam.
Der Schreibstil ist wenig auffällig, so dass man der nicht allzu komplizierten Handlung sehr gut folgen kann, gerät teilweise jedoch etwas ausschweifend und schwülstig, jedoch nie so, dass es mich gestört hätte.
Zusatzmaterial ist leider nicht vorhanden, dabei wäre ein Nachwort schon sehr begrüßenswert gewesen. Auch eine Karte hätte sicher nicht geschadet.

Fazit
Sieht man davon ab, dass der Dreh- und Angelpunkt der Handlung auf Annes Abstammung beruht, die, betrachtet man die Beteiligten genauer, extrem unwahrscheinlich ist, so handelt es sich hier um einen netten Roman um eine Liebe (oder Schwärmerei), die nicht sein darf, mit leider etwas zu starren Charakteren.

Martha Sophie Marcus – Herrin wider Willen

AutorMartha Sophie Marcus
TitelHerrin wieder Willen
Seitenzahl382
VerlagMSM Books
ASINB07BJLDM3M
Bewertung

Inhalt
1641, in der Nähe von Lüneburg: Am Vorabend eines Scharmützels heiratet der Grafensohn und Fernhändler Lenz die Kaufmannstochter Ada, obwohl sich das Paar kaum kennt, in der Annahme, dass Lenz den nächsten Tag nicht überleben wird. Adas Ziel ist es, durch diese Ehe ihrem Vater zu entkommen, der sie mit seinem Gehilfen verheiraten will, während Lenz verhindern möchte, dass sein Erbe seinem Onkel in die Finger gerät.
Wider Erwarten überlebt Lenz den folgenden Tag, jedoch schwer verwundet, und an Ada und die leidenschaftliche Hochzeitsnacht kann er sich nicht erinnern.
Während Ada auf ein glückliches Leben hofft, will Lenz jedoch nur schnellstens das Land verlassen…

Meine Meinung
Von Martha Sophie Marcus habe ich bereits zwei andere Romane gelesen, die mir recht gut gefallen haben. Bei Herrin wider Willen handelt es sich um ihren Debütroman, der leicht überarbeitet neu herausgegeben wurde.
Man merkt es dem Roman an, dass es sich hier um ein frühes Werk handelt, denn der Roman ist deutlich weniger umfangreich als die meisten späteren Romane der Autorin, auch die Handlung ist noch etwas dünn, und historische Personen oder Ereignisse spielen abseits der allgemeinen Lage keine Rolle.
Dennoch ist der historische Hintergrund deutlich beschrieben. Diesen bildet der Dreißigjährige Krieg: Plündernde Soldaten der verschiedenen Lager stellen eine ständige Bedrohung für die Menschen dar, der Handel ist von großen Verlusten geprägt, und viele Menschen hungern.
Vor dieser düsteren Zeit lässt die Autorin ihre Liebesgeschichte spielen, denn darum handelt es sich hier vorrangig.
Ada ist mit ihren zweiundzwanzig Jahren eigentlich noch ein schüchternes Mädchen ohne Selbstvertrauen, das nie gelernt hat, sich durchzusetzen, und immer wieder zu hören bekommen hat, wie dumm sie doch sei, da sie nur langsam lesen und schreiben kann.
Ihr gegenüber steht Lenz, ein Grafensohn, der in England aufgewachsen ist und als Fernhändler abseits aller Standesdünkel tätig ist. Auf das Erbe seines im Sterben liegenden Vaters ist er nicht angewiesen, jedoch möchte er dieses nicht seinem intriganten Onkel überlassen. Zum Militärdienst gepresst und vom nahen Tod bedroht, lässt er sich somit auf die Heirat ein. Doch als er dann ohne Erinnerung an die Hochzeitsnacht genesen ist, ist es sein dringlichstes Ziel, das Land und seine Frau zu verlassen.
Vor diesem Hintergrund hat eine Liebe eigentlich keine Chance. Doch durch die Umstände kommt alles ganz anders, als zunächst gedacht.
Beide Protagonisten machen eine deutliche Entwicklung durch, was sich schon bald nach Eintreffen auf dem Gut zeigt. Für mich stand ein Happy End von Beginn an außer Frage, doch es war einfach interessant, zu erleben, wie es dazu kommt, bei solch grundauf verschiedenen Persönlichkeiten.
Doch auch die anderen Charaktere, der elfjährige Dierk, der vorerst von dem Ehepaar aufgenommen wird, oder die Magd Luise, die Schlimmes durchgemacht hat und trotz ihrer Grimmigkeit dennoch sympathisch erscheint, sind recht interessante Persönlichkeiten, denen man ihre Rolle abkauft. Denen gegenüber stehen die recht eindimensional gezeichneten Gegenspieler wie Adas Vater und ihren Paten.
Auch wenn der Roman sich stark auf die Personen konzentriert und daneben immer nur kurz Spannung aufkommt, wenn gerade einmal wieder Soldaten vor der Tür stehen oder gegen das junge Ehepaar intrigiert wird, so passiert doch genügend, dass ich das Buch nahezu am Stück durchgelesen habe.
Während der Großteil des Romans in einer leicht veständlichen, flüssigen Sprache verfasst ist, kommt es gelegentlich zu Dialogen in plattdeutschem Dialekt, nämlich immer mal wieder dann, wenn sich die edlen Herrschaften mit dem Gesinde unterhalten. Dies dient dazu, die Verständnisschwierigkeiten darzustellen, denen Ada sich zu Beginn ausgesetzt sieht, aber auch, um zu zeigen, wie schnell die junge Frau diesen Dialekt zu verstehen lernt. Diese Sätze sind in der Regel einfach zu verstehen, kompliziertere Begriffe werden zudem auch auf Hochdeutsch wiederholt, so dass es beim Lesen nicht zu Schwierigkeiten kommen sollte. Auch eine wenige englische Sätze gibt es, die leicht verständlich sind und auf Lenz‘ zweite Heimat verweisen.
Ein weiteres besonderes Element der verwendeten Sprache ist das Erzen Untergebener, also diese in der dritten Person anzureden, selbst wenn dies nicht konsequent umgesetzt wird, denn mal wird geerzt, mal geduzt. Aber das Erzen ist mir noch nicht in allzu vielen Romanen begegnet, und da es jedoch durchaus üblich war, finde ich es gut, dass es hier Verwendung findet.
Neben dem bereits erwähnten Glossar findet sich im Anhang des Romans ein Personenregister sowie ein kurzes Nachwort, in dem die Autorin überwiegend auf die Änderungen der bearbeiteten Fassung gegenüber des Originals eingeht, die im Übrigen nicht allzu weitläufig ausfallen – wer die Taschenbuchausgabe besitzt, verpasst somit nichts Wesentliches.

Fazit
Dieser frühen Roman von Martha Sophie Marcus vermag zu unterhalten, selbst wenn er inhaltlich noch nicht ganz so viel hergibt wie spätere Werke. Es ist eher eine Geschichte der leisen Töne, die immer mal wieder durch einen Paukenschlag aufschreckt.

Christopher Whyte – Die stumme Sängerin

AutorChristopher Whyte
TitelDie stumme Sängerin
OriginaltitelThe Cloud Machinery
ÜbersetzerHanna van Laak
Seitenzahl367
VerlagFischer
ISBN978-3-596-16315-1
Bewertung

Inhalt
Venedig, 1761: Vor sieben Jahren ist der adelige Theaterbesitzer Alvise Contarini während einer Vorstellung ermordet worden, nun endlich wurden die Erbstreitigkeiten geschlichtet.
Der neue Besitzer plant, das Teatro Sant‘ Igino so schnell wie möglich wieder zu öffnen und stellt dazu Ansaldo Limentani ein, der die Leitung übernehmen soll.
Doch das Theater umgibt ein Geheimnis, denn es ist nicht völlig verlassen, denn zwei Gestalten sind dort mehrfach gesichtet worden.
Unterdessen ist der Naturphilosoph Andreas Hofmeister auf der Suche nach dem Magier Goffredo Negri und einer jungen Frau, die etliche Jahre zuvor aus Neapel verschwunden ist…

Meine Meinung
Die stumme Sängerin ist einer der Romane, die ich mir wahrscheinlich nicht genauer angeschaut hätte, wäre er mir nicht aus zweiter Hand zugefallen. Und so habe ich ihn kürzlich vorgenommen, als ich ein schnelles Buch für zwischendurch gesucht habe, an das ich ohne Erwartungen herangehen konnte.
Der historische Hintergrund des Romans ist eigentlich recht interessant, denn es wird einiges über das Theater und die Oper des 18. Jahrhunderts in Italien vermittelt, sei es der Aufbau der Bühne mit seinen Maschinerien, Information über die Kastratensänger oder einfach nur, wie das Theater von vielen Besuchern wahrgenommen wurde, nämlich als Bühne, um sich selbst zu präsentieren. Allerdings sind diese Informationen eher beiläufig enthalten, Beschreibungen, insbesondere zur Wolkenmaschine, einer bestimmten Art der Bühnenmaschinerie, kratzen an der Oberfläche, so dass man sich ohne Vorwissen viele Dinge nur schwer vorstellen kann.
Die Handlung, die in diesen Hintergrund eingebettet ist, konnte mich schon zunächst interessieren. Zwar ist der Aufbau recht ungewöhnlich gestaltet, da immer mehr und mehr Charaktere eingeführt werden und zudem ständig zwischen diesen hin- und hergesprungen wird, so dass ich bis weit in das Buch hinein noch kaum eine Vorstellung hatte, worum es gehen sollte. Zudem bestehen manche Kapitel fast nur aus wörtlicher Rede, und es werden viel zu viele Dinge beschrieben, die für die weitere Handlung völlig unwichtig sind, wie beispielsweise eine Prozession durch die Pfarrgemeinde, die zu Beginn immer wieder aufgegriffen wird. Hätte der Autor auf einige unwichtige Nebencharaktere und Beschreibungen verzichtet, so wäre der Roman an sich möglicherweise um einiges verständlicher.
Dennoch war es spannend, zu erleben, wie innerhalb weniger Tage nicht nur ein Ensemble angeworben wird, sondern zusätzlich noch mehrere Opern einstudiert werden sollen. Dabei steht natürlich immer die Frage im Raum, wie Contarini Jahre zuvor umgekommen ist. Und auch der zweite Handlungsstrang, die Suche nach Goffredo Negri, schien nicht uninteressant zu sein, auch wenn die Verbindung zunächst unklar ist. Spätestens nach den ersten einhundert Seiten hatte ich hier einen netten Musikroman mit einem Krimianteil erwartet.
Doch etwa ab der Mitte des Buches driftet der Roman durch okkulte Praktiken ins Fantasygenre ab, eine Entwicklung, die vorher durch nichts erkennbar war, nicht durch die Aufmachung des Buches, auch nicht durch den Klappentext oder eine irgendwie geartete Kennzeichnung, selbst in den wenigen Rezensionen, die ich zu dem Buch finden konnte, wird es nicht erwähnt. Und es handelt sich hier nicht um Kleinigkeiten, sondern große, handlungsbestimmende Themen: Echte Magie wie Nekromantie, Verbannung in andere Sphären, diverse Verzauberungen, Beschwörung von Naturgewalten sind nur einige Beispiele. Somit wird aus dem wörtlichen Deus ex Machina, also dem Erscheinen eines Gottes durch eine Theatermaschine, ein sprichwörtlicher.
Dies ist schade, denn dadurch wurde die Spannung, die zuvor aufgebaut wurde, völlig zerstört, logische Erklärungen braucht man von nun an nicht mehr zu erwarten.
Wie schon erwähnt erscheint auf den doch eher wenigen Seiten eine große Anzahl an Charakteren, was ein hohes Maß an Konzentration erfordert, denn ständig werden neue eingeführt, was zur Folge hat, dass die meisten der vorgestellten Figuren blasse Abziehbilder ohne Persönlichkeit bleiben, nur wenige stechen heraus. Insbesondere der Cembalist Domenico soll hier genannt werden, der unverschuldet in die Armut geraten ist und nun von Limentani als musikalischer Leiter angeworben wird. Domenico ist, obwohl er recht spät eingeführt wird, die tragende Figur des Romans, die letzten Endes unbewusst für die Verbindung der Handlungsstränge sorgt. Er ist ein recht sympathischer junger Mann, der seine Homosexualität verbirgt, um einer Strafe zu entgehen. Nur wer ihn kennt weiß von seiner sexuellen Ausrichtung.
Hier entwickelt sich auch eine Liebesgeschichte, die für den Verlauf des Romans wichtig ist, aber nicht im Detail beschrieben wird.
Zusatzmaterial ist leider überhaupt nicht vorhanden, dabei hätte es mich schon interessiert, was den Autor zu diesem Roman inspiriert hat, und auch ein musikalisches Glossar hätte nicht geschadet.

Fazit
Das war nichts. Zunächst völlig verwirrend, zwar kurzzeitig spannend, dann aber völlig absurd, mit einer Auflösung, die keine Erklärung erfordert, weil hier Magie im Spiel ist. Auf so etwas kann ich bestens verzichten.

Robert Fabbri – Das Schwert des Tribuns

AutorRobert Fabbri
TitelDas Schwert des Tribuns
OriginaltitelTribune of Rome
ÜbersetzerAnja Schünemann
SerieVespasian Band 1
Seitenzahl505
VerlagRoRoRo
ISBN978-3-499-27512-8
Bewertung

Inhalt
Römisches Reich, 26 n. Chr.: Der fünfzehnjährige Vespasian ist fern der Hauptstadt aufgewachsen, hat aber in den letzten Jahren viel über die Verwaltung eines großen Gutes gelernt, während der ältere Bruder Sabinus die letzten Jahre im Dienste Roms verbracht hat.
Doch nun soll auch Vespasian als Militärtribun den Ruhm der Familie mehren. Den Weg dazu soll sein Onkel Gaius Vespasius Pollo öffnen.
Doch schon bald erlangt er zufällig die Aufmerksamkeit Antonias, durch die er in die Intrigen der Stadt Roms hineingezogen wird.
Er muss fliehen, doch zuvor hat Antonia ihm einen Posten in Thrakien verschaffen können…

Meine Meinung
Lange Zeit hat man kaum Romane über Themen der Antike in den Buchhandlungen finden können. Doch aktuell erscheinen diverse Romane und Romanreihen, die in dieser Epoche angesiedelt sind. Viele von diesen setzen den Schwerpunkt auf das Militär und scheinen somit an eine vorwiegend männliche Zielgruppe gerichtet zu sein. Dazu gehört auch diese inzwischen abgeschlossene neunbändige Reihe über den späteren Kaiser Vespasian.
Bei dem vorliegenden Band handelt es sich um den ersten Teil der Reihe, in dem es um Vespasians Einstieg in die Welt des Militärs und der Intrigen Roms geht.
Robert Fabbri betont in seinem Nachwort, dass es sich hier um einen Roman handelt, nicht um eine Biographie, weshalb er sich die eine oder andere Freiheit erlaubt hat, um die Handlung spannender zu gestalten und Lücken in Vespasians Biografie zu füllen. Auch wenn es dadurch zu kleineren Anpassungen kommt, ist die Erzählung dennoch stimmig.
Manches mag ein klein wenig weit hergeholt sein, aber gestört hat mich dies weniger, denn dies sorgt für eine hohe Spannung, und das schon fast von Beginn an, denn der junge Römer wird recht früh in die Intrigen der Mächtigen hineingezogen und erhält schon bald Gelegenheit, sich zu beweisen.
Da die Welt der Römer sich doch deutlich von der unseren unterscheidet beschreibt Fabbri dem Leser diese recht ausführlich und baut dabei eine erstaunlich dichte Atmosphäre auf. Schon alleine die Stadt Rom wird sehr anschaulich beschrieben, das Leben der Armen in den Außenbezirken, der Dreck auf er Straße, auch die Gefahr, der man ausgesetzt ist, wenn man sich ohne Schutz auf den Straßen der Stadt bewegt. Man begleitet Vespasian in den Circus und wird darüber informiert, wie die Wetten dort funktionieren. Doch auch außerhalb der Stadt wird die Zeit lebendig, die Religion wird genauso nebenbei erklärt wie einige Facetten des römischen Lebensstils.
Vespasian wird hier als junger Mann beschrieben, der bisher ein eher gemächliches Leben geführt hat. Er kennt sich mit der Verwaltung des Gutes aus, kann gut planen, militärisches Wissen konnte er sich bisher aber nicht anordnen. Dies ändert sich erst, als sein Bruder Sabinus heimkehrt und sich die Jungen gegenseitig unterweisen sollen. Ab diesem Zeitpunkt zeigt sich Vespasian als fleißiger Schüler, der sehr bald eine erste Gelegenheit erhält, sein Können unter Beweis zu stellen. Er wird hier als sehr sympathischer junger Mann dargestellt, mit dem man als Leser gerne mitfiebert. Und durch die hier beschriebene erste Liebe bekommt er auch noch ein paar zarte Charakterzüge mit auf den Weg.
Doch nicht nur Vespasian wird sehr stimmig beschrieben, auch einige Nebencharaktere erhalten genügend Facetten, um positiv erwähnt zu werden. Besonders erwähnenswert ist hier Magnus, der Anführer einer kleinen Bruderschaft, ein echter Haudegen, der zunächst eher negativ auffällt, im Verlauf des Romans aber eine immer wichtigere Rolle einnimmt. Ihm und seiner Bande hat Fabbri zudem einige Kurzgeschichten gewidmet, die allerdings bisher noch nicht übersetzt wurden.
Allerdings gibt es eine sehr große Anzahl an Charakteren, so dass doch viele von ihnen nur recht knapp eingeführt werden. Insbesondere gegen Ende des Bandes hatte ich meine Probleme damit, mir die Personen vorzustellen und nicht durcheinander zu bringen.
Erkennt man zu Beginn noch, dass das Töten Vespasian Überwindung kostet, ist dies schon sehr bald nicht mehr der Fall, was für mich einen großen Kritikpunkt am Romans darstellt, denn in diversen Situationen wird hier gemordet, ohne andere Lösungen überhaupt in Betracht zu ziehen. Möglicherweise war der Tod für Römer, die an die brutalen und oft tödlichen Spiele gewöhnt waren, allgegenwärtig und ein gewaltsamer Tod nicht ungewöhnlich, dennoch war es mir dann an einigen Stellen zu viel.
Sprachlich ist der Roman eher schlicht gehalten, der Schwerpunkt liegt deutlich auf dem Transport der Geschichte, die möglichst ohne Längen erzählt werden soll, und das ist hier durchaus gelungen. Die Art und Weise, wie er Autor hier lateinische Begriffe einbringt, gefällt mir dagegen nicht ganz so gut, denn diese werden oft genannt und gleich im Anschluss übersetzt, zum Beispiel in Spiegelstrichen, oder erklärt. Dies hat mich immer mal wieder kurzzeitig aus der Geschichte gerissen, dabei hätte es durchaus elegantere Lösungen gegeben.
An Zusatzmaterial sind eine farbige Karte sowie das zuvor erwähnte Nachwort des Autors vorhanden.

Fazit
Als Reihenauftakt ist Das Schwert des Tribuns durchaus lesenswert. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass der Gewaltgrad aufgrund des Themas doch recht hoch angesetzt ist.