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Heidi Rehn – Tanz des Vergessens

AutorHeidi Rehn
TitelTanz des Vergessens
Seitenzahl557
VerlagKnaur
ISBN978-3-426-51591-4
Bewertung

Inhalt
München, Frühjahr 1919: Der Krieg ist vorbei, doch nach dem Scheitern der Räterepublik ist in München immer noch keine Ruhe eingekehrt. Als im Mai die Schüsse aufhören, schickt die junge Täschnerin Lou ihren Verlobten Curd los, dringend benötigte Nahrungsmittel zu organisieren. Doch unterwegs trifft ihn eine verirrte Kugel und er verstirbt noch vor Ort.
Auf sich allein gestellt versucht Lou, die sich die Schuld an Curds Tod gibt, den Krieg und das Leid zu vergessen, indem sie sich ins wilde Nachtleben stürzt, wo sie den verheirateten und wesentlich älteren Ernst kennenlernt. Wie lange kann eine solche Beziehung gutgehen?

Meine Meinung
Tanz des Vergessens beschreibt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die Mitte der 1920er Jahre, eine Zeit, in der die junge Generation, die sich an die Zeit vor dem Krieg kaum noch erinnern kann, eigentlich nur das Leben genießen will, die aber geprägt ist von hohen Reparationszahlungen und Inflation, ersten Judenverfolgungen und Homophobie, und in der sich der junge Österreicher Adolf Hitler in hohen Münchner Kreisen einen Namen als hervorragender Redner macht.
Während Lou und ihre Freunde fiktiv sind, wird die Zeit, in der sie agieren, schon sehr authentisch geschildert. Insbesondere die Stadt München mit ihrem Lokalkolorit kommt hier nicht zu kurz. Zwar gibt es nicht allzu viele Charaktere, die richtig Bairisch reden – nur wenige Nebenpersonen bekommen diesen Dialekt in den Mund gelegt – doch immer wieder gibt es Begriffe wie Schandi oder Zamperl, die einen daran erinnern, wo wir uns befinden. Neben der Sprache sind es aber vor allem die Handlungsorte, oft Festhäuser und Theater, Cafés und Sportvereine, die Erwähnung finden. Da wird von den Vorzügen geredet, die ein Club vor den anderen hat, da wird von einem Lokal ins nächste gezogen, und das nicht nur ein Mal, sondern immer wieder. Für mich als jemand, der noch nicht oft in München war und sich auch nicht fürs Nachtleben interessiert, war das einfach zu viel, zudem hatte ich da Gefühl, dass sich alles wiederholt. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies für jemanden, der sich in München auskennt und weiß, wo sich die erwähnten Gebäude befinden oder befunden haben, sehr interessant sein könnte. Gleiches gilt für einen späteren Abschnitt des Romans, der dann in einer anderen Stadt spielt.
Die bereits angesprochene politische Seite des Romans hat mich da schon wesentlich mehr interessiert. Es war faszinierend und bedrückend, hier zu erfahren, wie Hitler überhaupt Bekanntheit erlangt hat, dass er als Redner zu privaten Abendveranstaltungen gebucht wurde, und wie er gefeiert wurde, obwohl kaum jemand verstanden hat, was er eigentlich ausgesagt hat.
Auch die Anfänge der Judenverfolgung durch die Anhänger Hitlers wurden sehr anschaulich dargestellt. Es kümmert niemanden, wenn ein jüdischer Boxclub aufgemischt und von der NSDAP requiriert wird. Ebenso interessant ist es, zu lesen, wie jetzt schon, viele Jahre vor Machtergreifung der NSDAP, versucht wird, jüdische Wurzeln zu vertuschen oder andere einer jüdischen Herkunft zu bezichtigen.
Dies alles sind Themen, die mal hier, mal da gestreift oder auch ausführlich betrachtet werden. Im Zentrum der Geschichte allerdings steht Lou. Von ihrer österreichischen, jüdischen, lesbischen Freundin Judith wird Lou immer wieder als Tschapperl bezeichnet, als naiver, unbeholfener Mensch. Und genau so habe ich sie wahrgenommen. Zu Beginn des Romans ist Lou erst achtzehn Jahre alt, da darf man noch ein wenig naiv ins Leben blicken, aber selbst im späteren Verlauf ändert sie sich nicht. So oft hätte ich sie schütteln können, so oft wachrütteln wollen, wenn sie sich wieder von falschen Freunden hat verleiten lassen, etwas Dummes zu tun.
Lou gibt sich selbst die Schuld am Tod ihres Verlobten, weshalb sie sich in eine Beziehung mit einem verheirateten Mann stürzt. Ihm kann sie kaum Schaden zufügen. Die Entwicklung dieser Beziehung hat mir jedoch so gar nicht gefallen, für mich war sie doch sehr abwegig, auch wenn Heidi Rehn im Nachwort erklärt, dass es so einen Fall tatsächlich gegeben hat.
Doch auch auf eine richtige Liebesgeschichte muss man nicht verzichten. Diese deutet sich recht früh an, wird dann aber für einen Großteil des Romans völlig in den Hintergrund gedrängt. Erst gegen Ende wird sie sehr kurz und knapp wieder aufgegriffen. Hier hätte ich eigentlich nach den Andeutungen zu Beginn mehr erwartet.
Grundsätzlich sind alle Charaktere glaubwürdig gestaltet, ein Schwarz oder Weiß, Gut und Böse gibt es hier nicht, genauso wenig, wie es Antagonisten gibt, auch wenn einige Personen nicht unbedingt Lous Freunde sind. Dies hat mir gut gefallen, da dies wie aus dem echten Leben gegriffen erscheint.
Neben dem erwähnten Nachwort gibt es auch ein Glossar, in dem überwiegend mundartliche Begriffe erklärt sowie Orte und Personen näher beschrieben werden. Gerne hätte auch eine Karte Münchens enthalten sein können, um ortsfremden Lesern die Gelegenheit zu geben, sich ein wenig zu orientieren, wenn doch diese Orte eine so wichtige Rolle spielen.

Fazit
Auch wenn der Hintergrund des Romans sehr spannend ist, kann mich Lous Geschichte nicht mitreißen. Das Nachtleben wird mir zu ausführlich dargestellt, während Lou mir zu naiv und zu passiv ist. „Tanz des Vergessens“ ist sicher kein schlechter Roman, aber für mich einfach nicht der richtige.

Peter Prange – Ich, Maximilian, Kaiser der Welt

AutorPeter Prange
TitelIch, Maximilian, Kaiser der Welt
Seitenzahl677
VerlagFischer
ISBN978-3-596-19819-1
Bewertung

Inhalt
Wien, 1473: Der vierzehnjährige Maximilian von Habsburg brennt vor Liebe zu der zwei Jahre älteren Rosina von Kraig, doch sein Vater, der Kaiser, hat andere Pläne mit ihm: Er soll zum Wohle des Heiligen Römischen Reiches Marie von Burgund heiraten, eine der begehrtesten Erbinnen Europas, die ein Vermögen mit in die Ehe bringen würde, noch dazu soll sie wunderschön sein.
Marie steht Heiratsplänen ebenfalls sehr skeptisch gegenüber, befürchtet sie doch, nach der Eheschließung in ihrer Freiheit stark eingeschränkt zu sein. Sie wünscht sich einen gebildeten Mann, mit dem sie disputieren, Büchern genießen und auch gemeinsam ausreiten kann. Wird Maximilian dieser Mann sein?

Meine Meinung
Während ich mich mit der englischen Geschichte des ausgehenden Mittelalters recht gut auskenne, kann man dies nicht von der Geschichte Deutschlands sagen. Diese Wissenslücke wollte ich mit diesem Roman ein wenig schließen.
Den Titel des Buches finde ich dabei ein wenig irreführend, denn der Roman beschreibt Maximilians Weg bis zur Kaiserkrönung, aber nicht darüber hinaus, über sein Wirken als Kaiser selbst erfährt man also gar nichts. Doch auch die jungen Jahre Maximilians bieten genügend Material für einen Roman, hat er doch in dieser Zeit recht viel erlebt und sich selbst weiter entwickelt.
Maximilian von Habsburg ist der Sohn des Kaisers und selten mit dessen Entscheidungen einverstanden. Er wird von seinem Vater nicht respektiert und oft sogar erniedrigt, was Max sehr stark prägt, will er doch auf keinen Fall so werden wie sein Vater, der als Bettelkaiser verlacht wird.
Rosina von Kraig ist schon seit ihrer Jugend die Geliebte Maximilians. Obwohl sie keine standesgemäße Partie ist, will Max sie unbedingt heiraten. Sie ist heißblütig und ist eine der wenigen, die es wagt, dem jungen Habsburger schon mal den Kopf zu waschen.
Eine weitere sehr wichtige Person ist Kunz von der Rosen, Zwerg und Hofnarr zu Burgund, ein Vertrauter von Max, oft als Botschafter, gelegentlich auch als Spion oder Verschwörer tätig, mit dem Ziel, aus seinem Leben etwas zu machen.
Leider hatte ich mit der Darstellung vieler Personen meine Schwierigkeiten. Nicht nur die Darstellung von Charles, dem französischen Dauphin, als dümmliches Kind mit Wasserkopf und Buckel fand ich sehr übertrieben, auch die intriganten Pläne von Philippe de Commynes sind doch sehr darauf angelegt, ihn zum Bösewicht zu machen. Richtig ärgerlich finde ich aber, wie Peter Prange den Hofnarren Kunz von der Rosen dargestellt hat. Dieser intrigiert hier immer wieder gegen Max, und das nicht unbedingt heimlich, doch wird seine Einmischung nie bekannt. Nie wird erwähnt, was Kunz Schlimmes getan hat, stattdessen wird er immer weiter mit wichtigen Aufgaben betraut und für seine Dienste belohnt. Er gerät nicht ein einziges Mal in Verdacht, sein Name wird nie mit Missetaten in Verbindung gebracht, obwohl Menschen aus Maximilians direktem Umfeld Zeuge seiner Beteiligung sind. Das ist sehr schade, denn durch diese sehr flachen und wohl zum Teil auch historisch falschen Darstellungen der doch so wichtigen Personen verliert der Roman einen Großteil seiner Glaubwürdigkeit.
Ebenfalls als abwegig empfinde ich die Wendung, die Rosina von Kraig betrifft – dies hätte ich eher in einem Roman im Stil von Iny Lorentz erwartet.
Inhaltlich geht es hier sehr politisch zu. Es geht immer wieder um Krieg oder Kriegserklärungen, mal mit Frankreich, mal mit den Türken, dann gibt es erfüllte Verträge hier, gebrochene Versprechen dort, die Ständevertreter Burgunds spielen ebenso eine Rolle wie die Fürsten des Heiligen Römischen Reiches, und immer wieder ist Geld ein Thema. Nun lese ich gerne Romane, die politische Entscheidungen auch schon mal stärker gewichten und sie nicht nur am Rande erwähnen – dies wäre bei diesem Thema wohl auch kaum möglich gewesen -, jedoch habe auch ich hier gelegentlich den Überblick verloren. Ich kann mir deshalb sehr gut vorstellen, dass dies für den einen oder anderen Leser zu viel sein wird.
Ein weiterer Schwerpunkt des Romans, insbesondere in der ersten Hälfte, ist die Liebe. Erst zu Rosina, später zu Marie. Die Beschreibung dessen, wie Max zu den beiden Frauen steht, um sie wirbt, ihnen seine Liebe beteuert und sich der einen Frau annähert, der anderen entfremdet und anders herum, ist so ausführlich, dass andere Ereignisse dadurch in den Schatten gestellt werden.
Neben einem sehr kurz gehaltenen Nachwort zur Historie, einer Karte, einem Stammbaum und einem Personenregister gibt es noch eine mehrere Seiten umfassende Zeittafel, die zwar nur gesicherte Ereignisse auflistet, aber die wesentliche Handlung des Romans noch einmal zusammenfasst.

Fazit
Ein kleiner Einblick in das Leben des letzten Ritters, der mich aber weitestgehend enttäuscht zurückgelassen hat.

Daniel Wolf – Das Licht der Welt

AutorDaniel Wolf
TitelDas Licht der Welt
SerieVarennes-Saint-Jacques Band 2
Seitenzahl1152
VerlagGoldmann
ISBN978-3-442-48050-0
Bewertung

Achtung: Rezension enthält Spoiler zu Das Salz der Erde

Inhalt
Varennes-Saint-Jacques, Oberlothringen, 1214: Rémy Fleury kehrt nach Ende seiner Ausbildung in seine Heimatstadt zurück, um dort eine eigene Werkstatt als Schreiber zu eröffnen. Doch damit zieht er sich den Zorn des Abtes von Longchamps zu, der in Rémy einen Konkurrenten sieht, verfügt seine Abtei doch über ein Skriptorium, dessen Dienste sich die Mönche gut bezahlen lassen.
Vier Jahre später: Einige junge Männer Varennes dienen im Heer von König Friedrich II. bei der Belagerung von Amance. Angeführt wird die Schar Freiwilliger von Anseau Lefèvre, der seine Männer für eigenen Ruhm opfert. Als Michel Fleury nach dem Rechten sieht, macht er sich in Lefèvre einen Feind fürs Leben…

Meine Meinung
Wie schon in Das Salz der Erde erzählt Christoph Lode unter dem Pseudonym Daniel Wolf eine Geschichte, die viele Jahre umspannt. Auch wenn zwischen den beiden Romanen einige Jahre liegen, so sind die Verhältnisse doch weitestgehend unverändert, und man trifft auf viele alte Bekannte. Auch wenn es nicht zwingend notwendig ist, den ersten Band der Reihe zu kennen, um die Handlung in Das Licht der Welt zu verstehen, so empfiehlt es sich dennoch, ihn vorher gelesen zu haben.
Dreh- und Angelpunkt des Romans ist mal wieder die fiktive lothringische Stadt Varennes-Saint-Jacques, die sich seit Beginn des ersten Bandes stark verändert hat. Zwar laufen immer mal wieder historische Personen durchs Bild, und reale Ereignisse haben einen Einfluss auf die Stadt, im Großen und Ganzen ist die Handlung aber fiktiv, so dass der Autor große Freiheiten hat, seine Handlung zu gestalten.
War im ersten Roman noch Michel die Hauptperson, nimmt diese Rolle hier Rémy ein, ohne jedoch seinen Vater komplett in den Hintergrund zu drängen.
Wer den ersten Band kennt, ist mit Rémys Persönlichkeit vertraut. Er ist ein Sturkopf, der seinen eigenen Weg geht, der keinen Sinn darin sieht, vor Autoritäten zu buckeln und sich durch seine eigenbrötlerische Art nicht nur Freunde macht. Mit seinem Vater verbindet ihn auch keine innige Liebe. Im Großen und Ganzen ist er dennoch ein liebenswerter Hauptcharakter, der im Gegensatz zu seinem Vater im ersten Band schon seine Ecken und Kanten hat.
Im Vergleich zu Rémy fallen jedoch die meisten anderen Charaktere stark ab. So kann man die meisten mit ihrem ersten Auftreten in Gut und Böse einteilen. Und Böse bedeutet hier nicht nur, gegen Rémy oder Michel eingestellt zu sein. Insbesondere Anseau Lefèvre zeigt geradezu satanische Züge und zögert auch nicht, unbeteiligten Menschen Schaden zuzufügen, solange er einen Nutzen daraus zieht, und wenn es nur dem eigenen vergnügen dient.
Dadurch sind leider Teile der Handlung vorhersehbar. Geschickte Wendungen führen jedoch dazu, dass das Buch spannend bleibt, auch wenn man sie letztlich bereits erwartet. Manche Entwicklungen waren dabei logisch, andere erschienen mir doch recht weit hergeholt.
Die Handlung folgt im Großen und Ganzen einem roten Faden, der sich jedoch gelegentlich in Kleinigkeiten und neuen Handlungssträngen verliert, so dass ich mich schon gelegentlich gefragt habe, worauf das alles hinauslaufen soll.
Die Sprache ist einfach und zweckmäßig, so dass man der Handlung problemlos folgen kann. Auch wenn die Personen mal in deutschen, mal in französischen Gebieten unterwegs sind, so wird doch auf die Verwendung französischer Begriffe weitestgehend verzichtet. Nur in Fällen, in denen es für die Handlung wichtig ist, wird überhaupt auf die Zweisprachigkeit hingewiesen.
Die Taschenbuchausgabe verfügt in der vorderen Klappe über eine farbige Karte der fiktiven Stadt Varennes Saint Jacques sowie einer weiteren Karte der Region Oberlothringen, ein ausführliches Personenregister, ein Glossar sowie ein Nachwort zum historischen Kontext und ist somit sehr gut ausgestattet.

Fazit
Ein spannender Roman, der insbesondere unter den stark stereotypen Charakteren leidet, der mich aber dennoch gut unterhalten konnte. Für Leser von Rebecca Gablé, Ken Follett oder Ildefonso Falcones einen Blick wert, jedoch empfehle ich, vorher den ersten Band der Reihe zu lesen.

Claudia Kern – Das Schwert und die Lämmer

AutorClaudia Kern
TitelDas Schwert und die Lämmer
Seitenzahl480
VerlagBlanvalet
ISBN978-3-442-37439-7
Bewertung

Inhalt
Winetre, Ostern 1212: Nach dem Tod ihres Mannes möchte die Magd Madlen eine Pilgerfahrt nach Köln unternehmen, doch einen Tag vor der geplanten Abreise wird ihr die Teilnahme untersagt. Kurzerhand beschließt sie, das Verbot zu ignorieren.
In Köln erlebt sie Schreckliches. Noch völlig aufgelöst trifft sie auf den charismatischen Knaben Nicolaus, dem ein Engel erschienen sein soll. Nicolaus ruft zu einem friedlichen Kreuzzug der Armen und Unschuldigen auf, um das Heilige Land zurückzuerobern.
Madlen schließt sich dem Kreuzzug an und gehört schon bald zum inneren Kreis des Jungen. Doch während die Kreuzfahrer zu Beginn noch viel Unterstützung erfahren, schlägt ihnen mehr Misstrauen und Ablehnung entgegen, je weiter sie sich von Köln entfernen…

Meine Meinung
Mit diesem Roman beschreibt Claudia Kern ein Ereignis, das als Kinderkreuzzug in die Geschichte eingegangen ist. Sie erzählt sehr glaubwürdig und eindringlich aus Madlens Sicht, wie sehr vor allem die Menschen niederen Standes damals in ihrem Glauben – und Aberglauben – verhaftet waren und Dinge als wahr akzeptierten, über die wir heute nur den Kopf schütteln würden.
Zusammen mit ihren Söhnen gehört Madlen zum inneren Kreis des „Propheten“ Nicolaus, als Frau ist sie die Vernunft, das Gewissen des Kreises, aber gleichzeitig ist sie nicht in alle Entscheidungen involviert, und im Verlauf des Romans wird sie immer weiter an den Rand gedrängt. So erfährt der Leser einerseits nicht nur am Rande, wie sich der Kreuzzug entwickelt und Entscheidungen getroffen werden, andererseits werden schwerwiegende Entscheidungen nicht Madlen angelastet, die von sich als einfache Frau denkt, die ja als Magd keine allzu große Bildung aufweist und in ihrem Leben bisher nie aus ihrem Heimatort herausgekommen ist. Ihre Sprache und somit auch die Sprache des Buches ist recht einfach gehalten, was ihrem Bildungsstand entsprechen sollte. Sie glaubt vieles, was ihr von vermeintlich gebildeteren Menschen erzählt wird, selbst wenn es sich nur um Gerüchte handelt, was das eine oder andere Mal zu Missverständnissen oder Streit führt.
Dadurch, dass wir das Geschehen aus Madlens Sicht erleben, ist der Blick auf den Gesamtverlauf doch recht eingeschränkt. Man bekommt nur mit, was sie erfährt, was sie selbst erlebt, sieht und denkt. Einerseits ist man so als Leser zwar direkt im Geschehen, andererseits fehlt der Überblick darüber, was am Rand geschieht, außerhalb von Madlens Sichtfeld.
Die Handlung des Romans orientiert sich an den überlieferten Quellen, von denen heute einige als glaubwürdig, manche wiederum als unplausibel gesehen werden, insgesamt ist die Quellenlage jedoch mehr als nur dürftig. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass es tatsächlich so oder ähnlich gewesen sein könnte.
Wer sich mit dem Thema schon einmal beschäftigt hat weiß, wie der Kreuzzug möglicherweise geendet hat. Denjenigen, die sich damit nicht auskennen, will ich nicht die Spannung nehmen, indem ich das Ende vorwegnehme. Jedoch sollte man darauf gefasst sein, in diesem Roman mit viel Gewalt in Berührung zu kommen, und so sind ein Selbstmord, eine versuchte Vergewaltigung und eine Tötung in Notwehr gleich zu Beginn des Romans nur der Auftakt zu einer Reihe von Gräueltaten, Unfällen und anderen Todesarten, die mich immer wieder haben froh sein lassen, heute und nicht im 13. Jahrhundert zu leben.
Auch die Obrigkeitswillkür, der die einfachen Menschen damals ausgesetzt waren, die Stellung und Einstellung der Kirchenmänner und des Adels, wird hier thematisiert. Es wird gezeigt, wie die Menschen die Hierarchien als gottgegeben akzeptiert haben und wie schwer es ist, aus diesen auszubrechen.
Ein Nachwort zum Verlauf der Kinderkreuzzüge, insbesondere zur Quellenlage und zu Dichtung und Wahrheit hätte sich hier sehr angeboten, doch leider gibt es außer einer Karte kein Zusatzmaterial.

Fazit
Eine eindringliche Geschichte um den deutschen Kinderkreuzzug, die aber durch die Erzählweise nur einen eingeschränkten Blick zulässt, dafür am Ende eine glaubwürdige These zur Engelserscheinung abgibt. Als Einstieg in dieses Thema ist der Roman gut zu lesen, wer sich jedoch bereits ein wenig auskennt, wird wenig Neues erfahren.

Frank Goyke – Fersengeld

AutorFrank Goyke
TitelFersengeld
Seitenzahl252
Verlagberlin.krimi.verlag
ISBN978-3-89809-029-9
Bewertung

Inhalt
Havelberg, 1431: Der Beckergeselle Christian Eichkatz liebt die Tochter seines Meisters, die allerdings einem Anderen versprochen ist. Als die beiden eines Abends gemeinsam erwischt werden, wird Christian des Hauses verwiesen. Auch die Eltern wollen ihn nicht wieder bei sich aufnehmen, hat er doch ihren guten Ruf beschmutzt.
Also verlässt Christian die Stadt und zieht in Richtung Berlin, nur um kurz darauf von Melchior, dem Sohn des Bäckers, eingeholt zu werden, der sich den Hussiten anschließen will.
In Rathenow treffen die beiden auf den Ritter Veit von Ribbeck. Gemeinsam werden sie Zeuge eines Mordes, der mehr ist, als er zu sein scheint…

Meine Meinung
Bis vor Kurzem hatte ich noch nie von dem Autor Frank Goyke gehört, und wenn mir dieser Krimi nicht eher zufällig in die Hände gefallen wäre, wäre es auch dabei geblieben. Gelesen habe ich diesen Roman auch nur deshalb, weil er mit seinen gerade einmal 251 Seiten zu den dünnsten im Regal gehört und ich ein Buch für wenige Stunden gesucht habe.
Zu Beginn hat mich dieser Krimi dann auch zunächst angesprochen, ein Prolog, in dem ein Verbrechen geplant wird, hat meine Neugier geweckt, war doch nicht klar, wer hier spricht und worum es eigentlich geht. Auch der eigentliche Einstieg war dann zwar wie erwartet eher gemächlich, aber nicht uninteressant. Positiv fand ich, dass hier mit den Hussiten und der Darstellung ihrer Ideologien und dem drohenden Ende des Ritterstands und dem Aufstieg der Bürger tatsächlich ein historischer Bezug geschaffen wird, so dass der Roman tatsächlich zu keiner anderen Zeit hätte spielen können. Leider haben sich auch kleinere Fehler eingeschlichen, die sich durch ein wenig mehr Recherche hätten vermeiden lassen, wie beispielsweise das Auftreten der Syphilis, die aber erst nach der Entdeckung Amerikas nach Europa gekommen ist, 1431 aber in Europa unbekannt war.
Der Mordfall, in den die drei Reisenden hineinstolpern, ist zunächst nicht unspannend, und die Reaktionen der Protagonisten sind ebenfalls angemessen. Wer allerdings erwartet, dass unsere Reisenden sich nun tatsächlich mit der Aufklärung befassen, liegt falsch, denn diese Aufgabe übernehmen andere Personen, während die drei jungen Männer weiterziehen. Dadurch hatte ich den Eindruck, dass die Auflösung des Falls eher in den Hintergrund rückt, zumal der Ermittler selbst recht blass bleibt. Es gibt auch diverse falsche Fährten, die mich aber nicht sehr interessiert haben, weil ich zu dem Zeitpunkt eher daran interessiert war, wie es eigentlich mit unserem Gesellen weitergeht.
Während die Schilderung der Geschehnisse weitestgehend glaubwürdig verläuft, ist sie dagegen an anderen Stellen sehr salopp gehalten, sie wird beinahe ins Lächerliche gezogen. Und die zunächst überzeugend beschriebenen Charaktere werden ab einem bestimmten Punkt zu Karikaturen, erst zum Ende hin bessert sich dies wieder. Insbesondere die Darstellung von Melchiors Aufeinandertreffen mit den Hussiten ist so absurd, dass ich das Buch nicht mehr ernst nehmen konnte. Nun mag die Grundaussage stimmen, die während dieses Treffens vermittelt wird, die Umsetzung hat mich aber so gar nicht angesprochen.
Auch das Ende dieses Romans hat mich enttäuscht, denn während der Kriminalfall abgeschlossen ist, lässt mich Christians Schicksal eine Fortsetzung erwarten, die aber meines Wissens nie erschienen ist.
Was mich im Nachhinein sehr stutzig gemacht hat ist der Untertitel dieses Buches: Die Hübschlerin und der Tod des Kaufmanns. Es kommt zwar die eine oder andere Hübschlerin vor, jedoch nicht in einer Rolle, die diesen Untertitel rechtfertigen würde.
Zusatzmaterial such man hier übrigens vergeblich. Es gibt zwar eine Danksagung und eine Autorenvorstellung, aber keine weitergehenden Informationen zum Inhalt. Diese wären zur Einordnung nett gewesen, waren allerdings im Jahr 2004 noch nicht so weit verbreitet wie heute.

Fazit
Wenn man dieses Buch wie ich zufällig in die Finger bekommt und eine kurzzeitige Unterhaltung sucht, dann kann man hier vielleicht mal hinein schnuppern. Allen anderen würde ich eher den Griff zu anderen historischen Krimis raten, die diese Bezeichnung eher verdienen und durch ihre Recherche und Darstellung überzeugen können.