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Mac P. Lorne – Der Herr der Bogenschützen

AutorMac P. Lorne
TitelDer Herr der Bogenschützen
Seitenzahl703
VerlagKnaur
ISBN978-3-426-52082-6
Bewertung

Inhalt
England, 1400: Nach einem fehlgeschlagenen Versuch, König Henry Bollingbroke zu stürzen, wird John Holland, ehemaliger Duke of Exeter, als Verräter enthauptet. Seine Söhne, unter ihnen der sechsjährige John, werden von ihrer Mutter getrennt und nach Upholland gebracht, dem ehemaligen Stammsitz der Hollands, wo sie für ihren Lebensunterhalt niedere Arbeiten verrichten sollen.
Als Richard, Johns älterer Bruder, bald darauf im Sterben liegt, nimmt er John den Schwur ab, sich für den Tod des Vaters zu rächen und alles daran zu setzen, die Familienehre wiederherzustellen und die entzogenen Besitztümer zurück zu erhalten.
Wird John es schaffen, diesen Schwur zu erfüllen?

Meine Meinung
In Der Herr der Bogenschützen beschäftigt sich Mac P. Lorne mit John Holland, der, obwohl er Neffe zweier Könige ist, in vielen Romanen über den Hundertjährigen Krieg eher als Randfigur erscheint. Entsprechend war mein Interesse groß, mehr über diesen Mann zu erfahren, der alles verloren hat und sich von unten hoch arbeiten musste.
Über die Jugendjahre John Hollands ist so gut wie nichts bekannt, so dass Mac P. Lorne sich hier die Freiheit nimmt, John und seine Brüder wirklich nach ganz unten zu stoßen. Ich bezweifle, dass dies so hätte geschehen können, schließlich handelt es sich hier um die Söhne eines der höchsten Adligen des Landes, aber so wird natürlich der Aufstieg umso herausragender.
John ist schon ein erstaunlicher junger Mann. Obwohl so stark gedemütigt, lässt er sich nicht unterkriegen. Er lernt Lesen und Schreiben, durch seine Arbeit in der Ziegelei erlangt er eine große Kraft, doch seine Leidenschaft ist das Bogenschießen. Er ist edel, wie es sein gebürtiger Stand verlangt, aber er achtet auch das niedere Volk, er denkt in großen Dimensionen und hat in vielen Situationen doch sehr viel Glück. Er wird hier als Romanheld dargestellt, der Sympathien erweckt, dadurch aber leider doch ein wenig zu unglaubwürdig daher kommt.
Eine zweite wichtige Person ist Jehanne Darc, die später als Jeanne D’Arc oder als Jungfrau von Orléans große Berühmtheit erlangen wird. In meist recht kurzen Kapiteln erfahren wir, oft in Gesprächen über sie, dass sie schon in jungen Jahren sehr fromm, ja geradezu fanatisch ist und von ihrer Mutter und dem Dorfpfarrer im Glauben bestärkt wird. Auch ihre Stimmen, die sie letzten Endes in den Kampf treiben, gehören mit dazu, und auch wenn versucht wird, ihre Visionen zu erklären, so kommt Jehanne doch nicht besonders gut dabei weg, ihre Darstellung ist doch eher negativ zu sehen.
Die Geschichte selbst bietet jemandem, der schon den einen oder anderen Roman über den Hundertjährigen Krieg gelesen hat, wenig Neues, denn die Eckpunkte sind bekannt. Jedoch schafft es Mac P. Lorne, Johns Geschichte so fesselnd zu erzählen, dass ich gespannt war, was er als nächstes erleben wird.
Die Recherche Lornes ist ausgezeichnet, das Leben zu dieser Zeit wird lebhaft und authentisch dargestellt, soweit ich das beurteilen kann. Leider gibt es hier auch einen kleinen Wermutstropfen, denn viele Informationen werden nicht einfach so nebenbei vermittelt, sondern in Informationsblöcken, die sich für mich nicht homogen eingebunden, sondern wie Fremdkörper anfühlten. Und gelegentlich sind diese Informationen noch nicht einmal relevant, beispielsweise wenn es über mehrere Absätze um die Geschichte der Abtei Fontevrault geht.
Ein weiterer Aspekt, der mir in diesem Roman leider nicht gefallen hat, sind die Sexszenen. Egal ob einvernehmlich oder nicht, für mich waren sie weder romantisch noch erschreckend, je nach Zusammenhang, sondern einfach unpassend und aufgesetzt. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen.
Ein Erzählkniff, den der Autor gerne anwendet, ist, in der Zeit vorzugreifen und anzudeuten, dass demnächst etwas geschehen wird. Dies soll wohl die Spannung erhöhen. Sparsam angewendet ist dies auch tatsächlich der Fall, hier kommt es jedoch so häufig vor, dass es nicht nur auffällig ist, sondern mich ab einem bestimmten Punkt nur noch genervt hat.
Neben historischen Nachbemerkungen findet man in dem Buch noch eine Zeittafel, ein Personenregister sowie eine Karte Englands und Frankreichs, die eine grobe Orientierung ermöglicht.

Fazit
„Der Herr der Bogenschützen“ ist eigentlich ein spannender Roman über eine interessante Person, leider haben stilistische Entscheidungen meine Lesespaß doch sehr getrübt und sind am Ende stärker in Erinnerung geblieben als der Inhalt. Wer darüber hinwegsehen kann, wird viel Freude mit dem Buch haben.

David Gilman – Das blutige Schwert

AutorDavid Gilman
TitelDas blutige Schwert
OriginaltitelMaster of War: A Legend Forged In Battle
ÜbersetzerAnja Schünemann
SerieMaster of War Band 1
Seitenzahl588
VerlagRoRoRo
ISBN978-3-499-29076-3
Bewertung

Inhalt
England, 1346: Thomas Blackstone, ein junger Steinmetz, ist der Vormund seines minderjährigen Bruders Richard, dem bärenstarken tauben Dorftrottel. Als dieser des Mordes bezichtig wird, steht auch Thomas‘ Leben auf dem Spiel, ist er doch für die Taten seines Bruders verantwortlich. Die einzige Möglichkeit, ihrer beider Leben zu retten, besteht darin, sich dem englischen Heer als Bogenschützen anzuschließen, denn beide Jungen sind darin sehr geübt.
Doch die Realität des Krieges stellt sich doch ganz anders dar, als Thomas es sich hat vorstellen können, was er schon bald nach seiner Ankunft in der Normandie feststellen muss…

Meine Meinung
Schon seit einigen Jahren ist mir dieser Roman in der englischen Fassung immer wieder begegnet, wenn ich nach Empfehlungen gestöbert habe. Als die Reihe dann in deutscher Übersetzung angekündigt wurde, noch dazu in kurzer Folge, war es für mich schon bald selbstverständlich, dass ich sie mir genauer anschauen würde.
Es fällt schwer, hier nicht ständig Vergleiche zu Romanen von Bernard Cornwell zu ziehen, denn sie drängen sich von Beginn an geradezu auf. Dies ist nicht nur negativ zu sehen, da Gilman wirklich gut schreiben kann und es nicht wie gewollt, aber nicht gekonnt wirkt. Es gibt zu Beginn inhaltliche Parallelen, die sich schon aus dem gewählten Schauplatz ergeben, aber auch die Art, schonungslos und detailreich über Kriegshandlungen zu berichten, haben beide Autoren gemeinsam. Dadurch ergab sich für mich etwa im ersten Drittel das Gefühl, dies oder jenes bereits zu kennen und die Handlung vorhersagen zu können. Doch ab einem entscheidenden Wendepunkt entwickelt sich die Geschichte ganz anders, als ich erwartet hatte, und je weiter die Handlung fortschreitet, umso deutlicher ist ein eigener Stil zu erkennen. Im Gegensatz zu Cornwell schafft es Gilman beispielsweise, eine Liebesbeziehung glaubwürdig darzustellen, ohne dabei aber in schwülstige Beschreibungen zu verfallen.
Man mag bezweifeln, dass die Handlung ab dem beschriebenen Wendepunkt wirklich glaubwürdig ist. In meinen Augen ist es weit hergeholt, was dort mit Blackstone geschieht, ich halte es aber nicht für völlig unmöglich, dass ein Mann in dem Alter noch etwas völlig Neues lernt, insbesondere, wenn er eine große Körperbeherrschung besitzt. Außerdem ergeben sich so völlig neue Möglichkeiten, um aus einer anderen Perspektive über den Krieg zu berichten.
Dieser macht den Großteil der Handlung aus, erst die Schlacht von Crécy, über deren Ablauf ich durch diverse andere Romane bereits informiert war, aber eben auch Dinge, die mir weniger bekannt waren, wie beispielsweise die Haltung der Normandie zum französischen König.
Auch wenn Richard ebenfalls ein Blackstone ist, wird schnell klar, dass Thomas die alleinige Hauptperson des Romans ist. Nur er wird hier regelmäßig bei seinem Nachnamen gerufen und benannt.
Thomas ist der beste Bogenschütze des Dorfes, der sein Können zurückstellt, um seinem Bruder diesen Titel zukommen zu lassen. Er ist noch sehr jung, gerade einmal sechzehn Jahre alt, als er in den Krieg zieht, wirkt aber wesentlich älter, da er schon sehr früh schwer arbeiten und Verantwortung übernehmen musste, was ihn sowohl körperlich wie auch geistig und emotional hat reifen lassen. So hatte ich die meiste Zeit über beim Lesen einen wesentlich älteren Mann vor Augen, und nur in Momenten, zu denen seine Jugend zur Sprache kam, wurde mir dies wieder vor Augen gerufen.
Neben Thomas und Richard gibt es noch sehr viele weitere Charaktere. Leider sind die wenigsten individuell ausgearbeitet, oft werden sie nur mit Name und Rang beziehungsweise Funktion eingeführt, tauchen dann über viele Seiten nicht mehr auf, nur um dann plötzlich doch wieder eine Rolle zu spielen. Da es kein Personenregister gibt, habe ich so gelegentlich die Akteure durcheinander gebracht – was aber in den meisten Fällen gar keine so große Rolle spielt.
Die Ausstattung des Romans ist mit historischen Nachbemerkungen und einer farbigen Karte recht spärlich, aber ausreichend.

Fazit
Ein unterhaltsamer Auftakt einer Romanreihe mit einer spannenden Handlung, die stellenweise etwas weit hergeholt scheint.

Jack Whyte – Der Schwur der Ritter

AutorJack Whyte
TitelDer Schwur der Ritter
OriginaltitelOrder in Chaos
ÜbersetzerBarbara Schnell
SerieDie Templer Band 3
Seitenzahl448
VerlagBlanvalet
ISBN978-3-442-36349-0
Bewertung

Inhalt
La Rochelle, Frankreich, 1307: Am Freitag, dem 13. Oktober, sollen alle Angehörigen des Templerordens in Frankreich auf Befehl König Philipps verhaftet werden. Einzig die Kommandantur in La Rochelle konnte frühzeitig gewarnt werden, so dass nicht nur die Ritter und Knappen, sondern auch ein Teil der Flotte und der sagenumwobene Templerschatz in Sicherheit gebracht werden kann.
Auf der Suche nach einem sicheren Hafen einigt man sich darauf, Schottland anzusteuern, die Heimat von William Sinclair, dem ranghöchsten Templer und Angehörigen einer geheimen Bruderschaft innerhalb des Ordens, denn der neue schottische König, Robert Bruce, hat sicher Verwendung für gut ausgebildete Krieger…

Meine Meinung
Die ersten beiden Bände der Reihe, in denen es um die Gründung des Ordens sowie die Zeit nach der Schlacht von Hattin geht, haben mir so gar nicht gefallen, weshalb es merkwürdig erscheinen mag, dass ich den dritten Band dann überhaupt noch zur Hand nehme. Ich hatte ihn aber bereits gekauft, und da habe ich eben kurz hineinlesen wollen, um zu schauen, ob er wohl genauso enttäuschend ist wie die ersten Bände. Ich muss sagen, dass ich in gewisser Weise positiv überrascht war, und da das Buch dann mit etwa 440 Seiten um einiges dünner ist als der Rest der Reihe, war es dann auch schnell gelesen.
Wirklich glaubwürdig war die Geschichte zwar trotzdem nicht, aber wenigstens wurde der Fehler der Vorgänger, eine Geschichte anzufangen und mittendrin abzubrechen, nicht wiederholt. Stattdessen gibt es einen einzigen Handlungsbogen, der sich mit der Frage befasst, wie es nun mit dem Templerorden weitergehen soll.
Aufhänger der Handlung ist die Idee, dass eine einzige Kommandantur in Frankreich rechtzeitig von den Plänen Philipps des Schönen informiert werden und so mitsamt dem Templerschatz entkommen konnte. Da ja der sagenumwobene Templerschatz anscheinend nie gefunden wurde, ist dies nicht der einzige Roman, der sich mit diesem Gedankenspiel beschäftigt. Und so beginnt der Roman mit einem richtigen Knaller, es wird spannend, denn jemand versucht zu verhindern, dass die Warnung das richtige Ohr erreicht, und auch die Flucht muss glücken.
Leider war dies aber auch eine der wenigen spannenden Stellen im Roman, denn von nun an plätschert die Geschichte die meiste Zeit auf einem recht geringen Spannungsniveau vor sich hin, nur gelegentlich lodert sie kurz auf, um gleich danach wieder abzuflauen. Gekämpft wird selten, dafür wird mehr geredet und geplant. Als Sir William, der seit seiner Kindheit das erste Mal wieder schottischen Boden betritt, auf Anhänger von Robert Bruce trifft, erhält der Leser erst einmal seitenweise Informationen, wer Bruce überhaupt ist, wie er zum englischen und französischen König und zur Kirche steht. Die meisten dieser Informationen scheinen auch direkt an den Leser gerichtet zu sein, nicht an Sinclair, der zumindest über einen Teil der Dinge informiert sein sollte. Obwohl ich bereits einige Romane gelesen habe, in denen Robert Bruce eine wichtige Rolle spielt, waren mir diese Informationen einfach zu viel und zu geballt untergebracht, dies hätte man viel beiläufiger tun können.
Einer der Pläne, der einen Teil der Templer betrifft, beschäftigt sich mit der Legende eines Landes im Westen, das „Merica“ genannt wird. Hier musste ich doch sehr stutzen. Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, dass es Legenden über ein Land im Westen gegeben hat, aber „Merica“? Das ähnelt doch zu sehr dem Namen, den der Kontinent heute trägt, dieser aber leitet sich vom Namen des Entdeckers Amerigo Vespucci ab und stammt aus dem 16. Jahrhundert, nicht von irgendwelchen Legenden aus dem Mittelalter. Hier frage ich mich, wie des Autor darauf gekommen ist, ausgerechnet diesen Namen zu verwenden, jeder andere Vorschlag wäre besser gewesen.
Die geheime Bruderschaft innerhalb des Templerordens, die es so meiner Meinung nach gar nicht hätte geben können, spielt auch hier wieder eine Rolle, jedoch wird hier auch wieder kaum erklärt, was es mit ihr auf sich hat. Die Informationen, die man hier erhalten hat, waren doch recht oberflächlich – zum Glück, denn so konnte man sie weitestgehend überlesen, und für das Verständnis ist es auch nicht wichtig.
Überraschenderweise gibt es hier eine Liebesgeschichte, die sich aber erst zum Ende hin richtig entwickelt, auch wenn man sie schon sehr früh erahnen kann. Zunächst kam mir dieser Handlungsstrang zu aufgesetzt vor, doch zum Ende hin passt er zum Buch: Nicht zu hundert Prozent überzeugend, aber innerhalb der Buchlogik stimmig.

Fazit
Kein Highlight, aber für mich trotz der Spannungsarmut der beste Band der Reihe. Man verpasst aber auch nichts, wenn man diesen Roman nicht liest.

Neal Stephenson – Confusion

AutorNeal Stephenson
TitelConfusion
OriginaltitelConfusion
ÜbersetzerJuliane Gräbener-Müller, Nikolaus Stingl
SerieBarock-Trilogie Band 2
Seitenzahl1018
VerlagGoldmann
ISBN978-3-442-46662-7
Bewertung

Achtung: Enthält Spoiler zu Quicksilver!

Inhalt
Barbarei-Küste, 1689: Jack Shaftoe, König der Landstreicher, von der Syphilis einige Jahre zuvor seines Verstandes beraubt, findet sich plötzlich geheilt als Galeerensklave wieder. Doch Jack wäre nicht Jack, wenn es ihm nicht gelänge, mit ein paar Freunden ein Komplott zu ersinnen, um der Sklaverei zu entrinnen.
In der Zwischenzeit gerät Eliza, Gräfin de la Zoer, unter Druck, und sie ist gezwungen, ihr Vermögen der französischen Krone zur Verfügung zu stellen. So in die Ecke gedrängt nutzt sie alle ihr verfügbaren Mittel, ihre Männerbekanntschaften und sonstige Freundschaften, um sich zu gegebener Zeit rächen zu können…

Meine Meinung
Wie schon in Quicksilver enthält das Buch Confusion nicht nur einen Roman, sondern zwei, die die Namen Bonanza und Das Komplott tragen. Nur spielen diesmal diese beiden Romane nicht nacheinander, sondern parallel, so dass hier immer zwischen beiden hin und her gesprungen wird. Sie sind verwoben, im Englischen con-fused, daher der Titel. Zu richtigen Überschneidungen kommt es dabei so gut wie gar nicht, jedoch haben einzelne Ereignisse aus dem einen Roman Auswirkungen auf den anderen, so dass es schon sinnvoll ist, die von Stephenson vorgegebene Reihenfolge einzuhalten. Dabei sind beide Romane dennoch auch eigenständig lesbar, weshalb es sich hier nicht bloß um zwei Handlungsstränge eines einzigen Romans handelt.
Die Handlung des Buches ist sehr komplex und verlangt dem Leser so einiges ab. Nicht nur geht es in die hohe Politik, auch wirtschaftliches und wissenschaftliches Interesse sollten vorhanden sein, auch wenn die Naturwissenschaft im Vergleich zum ersten Band ein wenig in den Hintergrund tritt. So wird hier über mehrere Seiten erklärt, wie ein auf Primzahlen basierendes System für die Sortierung von Büchern in einer Bücherei funktionieren soll, da wird der Handel mit Anleihen und Leerverkäufen erklärt, und auch alchimistische Vorstellungen spielen eine Rolle. Auf über tausend Seiten ist es dazu noch so manches Mal schwierig, den Überblick über die große Anzahl an Charakteren zu behalten, da es auch kein Personenregister gibt, welches hier gute Dienste getan hätte, zumal auch viele Personen aus dem Vorgängerband vorkommen und diese nicht noch einmal neu vorgestellt werden. Wenn also die Lektüre des ersten Bandes bereits längere Zeit her ist, wie es bei mir der Fall war, ist der Einstieg nicht gerade einfach.
Über mehrere Monate habe ich mich durch dieses Werk gekämpft, manche Tage habe ich nur zehn Seiten gelesen, weil sich alles so zog, an anderen Tagen waren es dann wieder fast hundert Seiten am Stück, weil es wieder richtig spannend wurde, um es dann doch wieder beinahe abzubrechen.
Stephenson spielt hier mit der Historie. Während manche Charaktere und Ereignisse historisch belegt sind, entstammt ein großer Teil der Fantasie des Autors. Manche Dinge, die hier erwähnt werden, sind völlig an den Haaren herbeigezogen. So gibt es einen Charakter, der offensichtlich am Tourette-Syndrom leidet und zu einem Heiligen mit diesem Namen beten soll. Jedoch leitet sich der Name dieser Erkrankung von einem Arzt aus dem 19. Jahrhundert ab, einen Heiligen, der eben dieses Krankheitsbild zeigt und zudem diesen Namen trägt, wird es also kaum gegeben haben. Dies und viele andere, ähnlich geartete Beschreibungen zeigen, dass der Roman eher in einer Art Paralleluniversum spielt als in unserer Welt, dass es sich eher um Alternate History als um einen echten historischen Roman handelt. Man sollte nicht alles für bare Münze nehmen, was beschrieben wird, dennoch kann man viel lernen, wenn man sich auf die teilweise extrem ausführlichen Beschreibungen einlässt.
Wie schon im Vorgänger wechselt Stephenson immer wieder den Erzählstil. Manche Kapitel bestehen nur aus aneinandergereihten Briefen, manche wieder ausschließlich aus wörtlicher Rede. In anderen mit vielen und langen Dialogen springt der Autor mitten drin in einen Drehbuchstil. Von einer einheitlichen Erzählweise kann also keinesfalls die Rede sein.

Fazit
Der zweite Band der Barock-Trilogie ist stellenweise einfach genial, dann wieder extrem langweilig, dazu sehr komplex. Auf über tausend eng bedruckten Seiten den Überblick zu behalten ist nicht gerade einfach. Wer sich gerne mit diversen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Themen im 17. Jahrhundert auseinandersetzen mag und dabei auch einen Ausflug in das Genre der Alternate History nicht scheut, sollte genauer hinschauen (dann aber bitte mit dem ersten Band anfangen und die Reihe möglichst am Stück lesen), alle anderen sollten von diesem Wälzer doch lieber Abstand nehmen.

Bernard Cornwell – Das Zeichen des Sieges

AutorBernard Cornwell
TitelDas Zeichen des Sieges
OriginaltitelAzincourt
ÜbersetzerKarolina Fell
Seitenzahl557
VerlagRoRoRo
ISBN978-3-499-25255-6
Bewertung

Inhalt
England, 1413: Nick Hook ist seit seiner Kindheit Bogenschütze aus Leidenschaft. Als Forstmann im Dienste von Lord Slayton, der möglicherweise Nicks Vater ist, hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Durch eine Familienfehde, die sich schon über einige Generationen hinzieht, gerät Nick jedoch immer mal wieder in Schwierigkeiten.
Als Bogenschützen aus dem ganzen Land nach London beordert werden, um bei einer Massenhinrichtung an Lollarden zu assistieren, ist auch Nick dabei. Doch schon bald überschlagen sich die Ereignisse aufgrund der Fehde, und Nick muss aus England flüchten. Sein Können am Bogen bietet ihm ein Auskommen, und so findet es sich bald in Diensten der Krone in der Stadt Soissons wieder.

Meine Meinung
Der Originaltitel dieses Romans lautet „Azincourt“, damit trägt er den Namen eines Ortes, an dem eine der bedeutendsten Schlachten des Hundertjährigen Krieges ausgefochten wurde. Somit sollte man sich nicht wundern, wenn auch in diesem Roman von Bernard Cornwell Kriege und detaillierte Kampfhandlungen viel Raum einnehmen. Es wird geflucht, geschossen, gehauen, gefoltert, gemordet, belagert, Verrat geübt und was alles sonst noch dazu gehört. Wer mehr Abwechslung erwartet, sollte zu anderen Büchern greifen. Auch das Thema der Lollarden, das zu Beginn kurzzeitig aufgegriffen wird, wird nicht weiter vertieft, sondern dient nur als Aufhänger für Nicks Beteiligung am Krieg. Dieser ist jedoch keineswegs langweilig beschrieben, vielmehr habe ich von Beginn an mit den englischen Bogenschützen mitgefiebert, und das, obwohl ich den Ausgang der Schlacht bereits kannte und es keine großen Überraschungen gibt.
Von dem Kampf um Soissons über die Belagerung von Harfleur bis nach Azincourt begleitet der Leser den Bogenschützen Nick Hook, den ich nicht gerade als Sympathieträger bezeichnen würde. Nick ist ein begnadeter Bogenschütze, stärker als die meisten seiner Kollegen, so dass er auch den größten Bogen spannen kann, und dabei extrem zielsicher. Diese kämpferischen Eigenschaften sind es, die ihn am ehesten charakterisieren. Sein Charakter sind dagegen eher nebensächlich: Seine Feinde hasst er bis zum Tod, und moralische Bedenken, sie zu töten, scheint er nicht zu haben, seine Freunde sind ihm heilig, und seinem König gegenüber ist er loyal. Er ist eigentlich der perfekte Soldat, als Hauptperson in einem Roman ist er allerdings eher langweilig – wären da nicht die Stimmen in seinem Kopf, in denen er die Heiligen Crispin und Crispinian, die Stadtheiligen von Soissons, zu erkennen meint und die ihm gelegentlich beratend zur Seite stehen. Ob es sich hier um Einbildung oder ein Wunder handelt wird nicht klar, jedoch kann ich mir vorstellen, dass dies im ausgehenden Mittelalter, als noch stark an die Wunderwirkung der Heiligen geglaubt wurde, ein und dasselbe gewesen sein könnte.
Eine weitere wichtige Person ist Melissande, illegitime Tochter eines französischen Ritters, die in Soissons auf Nick trifft und von ihm gerettet wird. Hier kommt es, wie es kommen muss: Die beiden werden ein Paar. Besonders viel Romantik sollte man hier nicht erwarten, für Cornwells Verhältnisse werden auf diese Beziehung jedoch recht viele Worte verwendet.
Als großer Wortkünstler ist Bernard Cornwell nicht gerade bekannt, und so ist auch hier die Sprache recht einfach und zweckmäßig gehalten, auch der verwendete Wortschatz ist nicht sehr hoch, was ich nicht der Übersetzung anlaste. Auf einige Beschimpfungen trifft man alle paar Seiten, besonders einfallsreich wird hier jedenfalls nicht geflucht.
Wie man es heutzutage erwarten kann, ist auch dieser Roman recht gut ausgestattet. Neben Karten zu Nordfrankreich, der Belagerung von Harfleur und der Aufstellung bei Azincourt gibt es noch ein sehr ausführliches Nachwort des Autors, in dem er unter anderem auf das Kräfteverhältnis der Armeen und das Können der Bogenschützen eingeht.

Fazit
Trotz der zweckmäßigen Sprache, den einfachen Charakterdarstellungen und der recht einseitigen Handlung hat mich der Roman sehr gut unterhalten, schafft es Cornwell doch, lebendige Bilder vor meinem Auge entstehen zu lassen.
Wer sich für die Beschreibung von Kriegshandlungen im Allgemeinen und die Schlacht bei Azincourt im Besonderen interessiert, der kann hier bedenkenlos zugreifen. Zartbesaiteten würde ich jedoch vom Lesen dieses Romans abraten.