Schlagwort-Archive: 20. Jh.

Heidi Rehn – Tanz des Vergessens

AutorHeidi Rehn
TitelTanz des Vergessens
Seitenzahl557
VerlagKnaur
ISBN978-3-426-51591-4
Bewertung

Inhalt
München, Frühjahr 1919: Der Krieg ist vorbei, doch nach dem Scheitern der Räterepublik ist in München immer noch keine Ruhe eingekehrt. Als im Mai die Schüsse aufhören, schickt die junge Täschnerin Lou ihren Verlobten Curd los, dringend benötigte Nahrungsmittel zu organisieren. Doch unterwegs trifft ihn eine verirrte Kugel und er verstirbt noch vor Ort.
Auf sich allein gestellt versucht Lou, die sich die Schuld an Curds Tod gibt, den Krieg und das Leid zu vergessen, indem sie sich ins wilde Nachtleben stürzt, wo sie den verheirateten und wesentlich älteren Ernst kennenlernt. Wie lange kann eine solche Beziehung gutgehen?

Meine Meinung
Tanz des Vergessens beschreibt die Zeit nach dem ersten Weltkrieg bis in die Mitte der 1920er Jahre, eine Zeit, in der die junge Generation, die sich an die Zeit vor dem Krieg kaum noch erinnern kann, eigentlich nur das Leben genießen will, die aber geprägt ist von hohen Reparationszahlungen und Inflation, ersten Judenverfolgungen und Homophobie, und in der sich der junge Österreicher Adolf Hitler in hohen Münchner Kreisen einen Namen als hervorragender Redner macht.
Während Lou und ihre Freunde fiktiv sind, wird die Zeit, in der sie agieren, schon sehr authentisch geschildert. Insbesondere die Stadt München mit ihrem Lokalkolorit kommt hier nicht zu kurz. Zwar gibt es nicht allzu viele Charaktere, die richtig Bairisch reden – nur wenige Nebenpersonen bekommen diesen Dialekt in den Mund gelegt – doch immer wieder gibt es Begriffe wie Schandi oder Zamperl, die einen daran erinnern, wo wir uns befinden. Neben der Sprache sind es aber vor allem die Handlungsorte, oft Festhäuser und Theater, Cafés und Sportvereine, die Erwähnung finden. Da wird von den Vorzügen geredet, die ein Club vor den anderen hat, da wird von einem Lokal ins nächste gezogen, und das nicht nur ein Mal, sondern immer wieder. Für mich als jemand, der noch nicht oft in München war und sich auch nicht fürs Nachtleben interessiert, war das einfach zu viel, zudem hatte ich da Gefühl, dass sich alles wiederholt. Ich kann mir aber vorstellen, dass dies für jemanden, der sich in München auskennt und weiß, wo sich die erwähnten Gebäude befinden oder befunden haben, sehr interessant sein könnte. Gleiches gilt für einen späteren Abschnitt des Romans, der dann in einer anderen Stadt spielt.
Die bereits angesprochene politische Seite des Romans hat mich da schon wesentlich mehr interessiert. Es war faszinierend und bedrückend, hier zu erfahren, wie Hitler überhaupt Bekanntheit erlangt hat, dass er als Redner zu privaten Abendveranstaltungen gebucht wurde, und wie er gefeiert wurde, obwohl kaum jemand verstanden hat, was er eigentlich ausgesagt hat.
Auch die Anfänge der Judenverfolgung durch die Anhänger Hitlers wurden sehr anschaulich dargestellt. Es kümmert niemanden, wenn ein jüdischer Boxclub aufgemischt und von der NSDAP requiriert wird. Ebenso interessant ist es, zu lesen, wie jetzt schon, viele Jahre vor Machtergreifung der NSDAP, versucht wird, jüdische Wurzeln zu vertuschen oder andere einer jüdischen Herkunft zu bezichtigen.
Dies alles sind Themen, die mal hier, mal da gestreift oder auch ausführlich betrachtet werden. Im Zentrum der Geschichte allerdings steht Lou. Von ihrer österreichischen, jüdischen, lesbischen Freundin Judith wird Lou immer wieder als Tschapperl bezeichnet, als naiver, unbeholfener Mensch. Und genau so habe ich sie wahrgenommen. Zu Beginn des Romans ist Lou erst achtzehn Jahre alt, da darf man noch ein wenig naiv ins Leben blicken, aber selbst im späteren Verlauf ändert sie sich nicht. So oft hätte ich sie schütteln können, so oft wachrütteln wollen, wenn sie sich wieder von falschen Freunden hat verleiten lassen, etwas Dummes zu tun.
Lou gibt sich selbst die Schuld am Tod ihres Verlobten, weshalb sie sich in eine Beziehung mit einem verheirateten Mann stürzt. Ihm kann sie kaum Schaden zufügen. Die Entwicklung dieser Beziehung hat mir jedoch so gar nicht gefallen, für mich war sie doch sehr abwegig, auch wenn Heidi Rehn im Nachwort erklärt, dass es so einen Fall tatsächlich gegeben hat.
Doch auch auf eine richtige Liebesgeschichte muss man nicht verzichten. Diese deutet sich recht früh an, wird dann aber für einen Großteil des Romans völlig in den Hintergrund gedrängt. Erst gegen Ende wird sie sehr kurz und knapp wieder aufgegriffen. Hier hätte ich eigentlich nach den Andeutungen zu Beginn mehr erwartet.
Grundsätzlich sind alle Charaktere glaubwürdig gestaltet, ein Schwarz oder Weiß, Gut und Böse gibt es hier nicht, genauso wenig, wie es Antagonisten gibt, auch wenn einige Personen nicht unbedingt Lous Freunde sind. Dies hat mir gut gefallen, da dies wie aus dem echten Leben gegriffen erscheint.
Neben dem erwähnten Nachwort gibt es auch ein Glossar, in dem überwiegend mundartliche Begriffe erklärt sowie Orte und Personen näher beschrieben werden. Gerne hätte auch eine Karte Münchens enthalten sein können, um ortsfremden Lesern die Gelegenheit zu geben, sich ein wenig zu orientieren, wenn doch diese Orte eine so wichtige Rolle spielen.

Fazit
Auch wenn der Hintergrund des Romans sehr spannend ist, kann mich Lous Geschichte nicht mitreißen. Das Nachtleben wird mir zu ausführlich dargestellt, während Lou mir zu naiv und zu passiv ist. „Tanz des Vergessens“ ist sicher kein schlechter Roman, aber für mich einfach nicht der richtige.

Alexandra Jones – Der Zauber des Sommers

AutorAlexandra Jones
TitelDer Zauber des Sommers
OriginaltitelAbbot of Island
ÜbersetzerMichaela Link
Seitenzahl557
VerlagBastei Lübbe
ISBN3-404-14913-0
Bewertung

Inhalt
England, 1939: Wie jedes Jahr verbringt die achtzehnjährige Roslin den Sommer bei ihren Verwandten auf einer kleinen Insel. Doch dieses Jahr ist alles anders. Nicht nur, dass ein Krieg möglich scheint, auch auf der Insel ist viel los. So findet Roslins Cousin eine Frauenleiche, und eine Gruppe Dominikanermönche richtet sich häuslich ein.
Schon bald findet Roslins Cousine Abigail heraus, dass die Männer nicht das sind, das sie zu sein vorgeben.
Plötzlich spitzt sich die Lage zu: Der Krieg bricht aus, nahezu alle Familienmitglieder verlassen die Insel. „Pater“ Luke gesteht Roslin, wie er für sie empfindet, aber auch, dass er einer militärischen Spezialeinheit angehört. Und so entscheidet sich auch Roslin, für ihr Land zu kämpfen.

Meine Meinung
Mit diesem Roman bin ich leider nicht ganz warm geworden, was zum einen an der etwas verworrenen Handlung liegt, zum anderen aber auch an der verwendeten Sprache, dies könnte aber auch an der Übersetzung liegen. Nun kenne ich zwar das Original nicht, doch gibt es so einige Sätze, die einfach sprachlich in sich nicht stimmig sind. So sagt Abigail an einer Stelle „Hau ab“, woraufhin sämtliche anwesenden Personen entsetzt reagieren – dies ergibt für mich nicht viel Sinn. Im Original dürfte dort wohl etwas wie „fuck off“ gestanden haben, was die Reaktion rechtfertigen würde.
Auch werden die Frauen des zu Handlungsbeginn verstorbenen Earls mal als Witwen, mal als Exfrauen bezeichnet, egal, ob sie zum Zeitpunkt seines Todes verstorben oder geschieden und wiederverheiratet waren. Das war für mich dann doch sehr verwirrend und hat überhaupt nicht gepasst.
Es hat mich doch sehr gewundert, dass die vermeintlichen Mönche sich als „Domini Canes“ – Spürhunde des Herrn – vorgestellt haben, einer eher abwertenden Bezeichnung, der sich auf die Rolle der Dominikaner während der Inquisition bezieht. Ich bezweifle doch sehr, dass echte Mitglieder dieses Ordens sich so vorgestellt hätten.
In dem Roman kommen einige Abkürzungen vor, die in England wohl geläufig sind, die ich mir aber erst herleiten bzw. nachschlagen musste. RAF für Royal Air Force ist dabei noch eine der einfacheren Abkürzungen. Hier wären erklärende Fußnoten oder ein Glossar hilfreich gewesen.
Der Roman wartet mit immer neuen Wendungen auf, die mir manchmal einfach zu viel waren. Manchmal sind mir die Wendepunkte auch einfach entgangen, weil sie so beiläufig in die Handlung eingebunden waren, zum Beispiel durch die Beschreibung des Aussehens eines Gegenstandes. Und so verschiebt sich der Schwerpunkt mehrmals. Scheint es sich nach den ersten Kapiteln um einen Liebesroman zu handeln, geht es schon bald kaum noch um Luke, sondern um Roslin und ihre Karriere im Militär.
Der Prolog und der relativ lange Epilog, die einige Jahrzehnte später spielen, hatten für mich keinerlei Mehrwert, ich fand sie langweilig und langatmig. Einzig die letzten paar Seiten waren nett, weil sie den Roman abrunden, von der Handlung aber nicht nötig. Hier hätte auch gerne früher Schluss sein können.

Fazit
Der Roman kann durchaus unterhalten, auch wenn er sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, als der Klappentext und die ersten Kapitel erwarten lassen. Leider weist er aber auch so einige Schwächen auf.

Cecelia Holland – Im Tal der Könige

AutorCecelia Holland
TitelIm Tal der Könige
OriginaltitelValley of the Kings
ÜbersetzerMarie Henriksen
Seitenzahl255
VerlagWeltbild
ISBN978-3-89897-151-5
Bewertung

Inhalt
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist der englische Archäologe Howard Carter von dem Gedanken besessen, als erster das Grab des ägyptischen Pharaos Tutanchamun zu finden. Doch immer wieder stehen ihm Hindernisse im Weg: Erst fehlt ihm Geld, dann haben andere Archäologen das Grabungsrecht im Tal der Könige, und dann bricht auch noch der Krieg aus.
Ca. 3300 Jahre zuvor wird der ägyptischer Steinmetz Hapure damit beauftragt, in aller Heimlichkeit im Tal der Könige ein Grab zu verschließen. In den darauffolgenden Monaten hat das ägyptische Volk unter dem ausbleibenden Nilhochwasser zu leiden, was zu einer großen Hungersnot führt. Der jugendliche Pharao Tutanchamun und seine Frau und Nichte Anchesenamun versuchen auf unterschiedliche Weise, mit der Situation umzugehen.

Meine Meinung
Mit gerade einmal 250 Seiten handelt es sich um ein sehr dünnes Buch, insbesondere für einen historischen Roman, bei dem ich schon vor Beginn die Befürchtung hatte, dass die Beschreibung der Charaktere und die Geschichte selbst auch zu kurz kommen könnte. Da es sich hier im Endeffekt um zwei voneinander unabhängige Geschichten handelt, hat sich diese Befürchtung bestätigt.
So bleibt Howard Carter sehr blass, man erfährt wenig über ihn und die Gründe, die in antreiben. Das Bedürfnis nach Ruhm scheint der einzige Grund zu sein, weshalb er sich überhaupt für dieses bestimmte Grab interessiert. Dabei wurde er mir im Laufe der Geschichte aufgrund seiner Vorgehensweise immer unsympathischer. Gerade, als diese Geschichte spannend zu werden scheint, endet sie sehr abrupt. Ohne Hinweis wird ab dem nächsten Kapitel in die Vergangenheit gewechselt, obwohl die erste Geschichte meiner Meinung nach noch gar nicht abgeschlossen ist. Und so habe ich im weiteren Verlauf des Romans immer wieder darauf gewartet, wieder ins 20. Jahrhundert zurückzukehren, was aber nicht der Fall ist.
Stattdessen wird eine Geschichte um die Grablegung Echnatons und den Tod Tutanchamuns konstruiert, die von Verschwörung, Hass und Gier getragen wird. Hier gibt es nicht die eine Hauptperson, stattdessen wird zwischen mehreren Personen, historisch belegten und erfundenen, hin- und hergesprungen.
Da Zeitangaben völlig fehlen, ist nicht ersichtlich, wie viel Zeit genau vergeht. Mir kam es so vor, als wären von Beginn zum Ende dieser Geschichte nur wenige Monate vergangen, wahrscheinlich werden es aber eher Jahre sein.
Die Geschichte um den Steinmetz Hapure und seinen Freund, den Tagelöhner Sennahet, wirkt stark konstruiert und endet wie auch schon die erste Geschichte sehr abrupt und ohne richtiges Ende.
Dass der Roman aus einer Begegnung der Autorin mit dem Sohn Carters entstanden ist, der ihr ein wenig über seinen Vater erzählt hat, hätte ich nicht erwartet, dafür ist er mir ein wenig zu oberflächlich und unpersönlich geschrieben.
Der Roman ist bereits in den 1970ern erstmalig erschienen. Seitdem hat sich in der Forschung einiges getan, inzwischen ist bekannt, dass die Verwandtschaftsverhältnisse der Pharaonen untereinander, wie in dem Roman beschrieben, wohl nicht den Tatsachen entsprechen.

Fazit
Nicht besonders empfehlenswert, weil beide Geschichten im Nichts enden und der Roman inhaltlich überholt ist. Wenn man das Buch zur Unterhaltung liest, wird dies nicht weiter stören, nur sollte man sich dessen einfach bewusst sein. Als Einstieg über die Forschung Carters ist der Roman aber durchaus lesbar.